Tempelanlagen, quirlige Städte, freundliche Menschen - ein ganz normales asiatisches Land ist Kambodscha, könnte man meinen. Doch die Vergangenheit hinterließ Spuren.
Die Fratzen lassen den Besucher beim Gang durch den Tempel nicht aus den Augen. Von allen Seiten starren die Steingesichter unbehaglich durch den Morgendunst. Meterhohe Visagen kontrollieren jeden Winkel des Bayon, des massiven Bauwerks, das einst das Herz des Angkor-Reiches war, bevor dieses unterging.
Doch wen stellen die steinernen Skulpturen dar? Sind sie Abbilder Jayavarmans VII., des letzten großen Monarchen Angkors, der sein Reich überblickt? Oder ist es der hinduistische Schöpfergott Brahma, dessen Konterfei die Steinmetze der Khmer zweihundertfach aus mächtigen Sandsteinblöcken herausmeißelten? Die Art der Darstellung von jeweils vier Gesichtern, die in vier Himmelsrichtungen blicken, deutet darauf hin.
Dith Rotha, kambodschanischer Buddhist und Kenner der Tempelstadt, sieht in den Gesichtszügen der Skulpturen jedenfalls nichts Bedrohliches. In den mandelförmigen Augen und wulstigen Lippen erkennt er vielmehr das Lächeln eines Bodhisattvas, eines Erleuchteten. „Ein Bodhisattva“, sagt er, „verzichtet auf das Nirwana. Er wird aus Mitleid zu den Menschen wiedergeboren, um ihnen den Weg zur Glückseligkeit zu zeigen. Ich opfere im Bayon ein paar Räucherstäbchen, in der Hoffnung auf Erlösung. Wissen Sie, ein Besuch der Tempel von Angkor wirkt auf die kambodschanische Seele heilend, denn wir Kambodschaner sind noch immer traumatisiert vom Holocaust Pol Pots am eigenen Volk. Pol Pot, der führende Kopf der Roten Khmer, hat während der Zeit seiner Herrschaft unendliches Leid über so viele Familien gebracht, auch über meine“.
An diesem Punkt der Unterhaltung reicht es bei dem vierzigjährigen Mann nicht einmal mehr zu dem typischen Lächeln, das Asiaten üblicherweise aufsetzen, um tiefgehende Gefühle zu verbergen. „Gehen Sie nach Tuol Sleng. Dort sind die Verbrechen Pol Pots dokumentiert.“
Tuol Sleng, das einstige Folterzentrum der Roten Khmer, liegt in einer staubigen Seitenstraße Phnom Penhs, weit weg von der großartigen Tempelanlage Angkors. Die grauen Betongebäude einer ehemaligen Schule zeigen Fotos und Dokumente und die raffinierten Folterkammern der Roten Khmer. Besucher aus aller Welt sind berührt und schockiert vom Ausmaß der Grausamkeiten, die Pol Pot befahl, um seine Ideologie durchzusetzen.
Paula führt die Besucher durch die Räume des Museums, in dem man das Grauen für die Nachwelt aufbewahrt. In den Zellen baumeln Stachelketten an rostigen Bettgestellen. An den Wänden steht der gemalte Hinweis geschrieben, dass es „nicht nötig“ sei, bei der Folter zu schreien. Überall liegen die aus Baustahl geschmiedeten Fußangeln der Gefangenen, die sich nicht bewegen durften, ohne um Erlaubnis zu fragen.
Das Regime hat penibel Buch geführt über die Geschundenen. Man hat die „Feinde“ des Khmer-Rouge-Regimes fotografiert, bevor man sie vor den Toren Phnom Penhs auf den berüchtigten „Killing Fields“ bestialisch ermordete. Zu Hunderten hängen die Porträts verängstigter Menschen in den ehemaligen Klassenräumen - Männer, Frauen und Kinder sind darauf zu sehen. Ihre Blicke wirken noch lange nach - auch beim Spaziergang auf der Uferpromenade des Flusses Tonle Sap, wo sich allabendlich die Einwohner Phnom Penhs versammeln.
Viele der Mönche, der Wahrsager, der Imbissverkäufer, der Väter und Mütter, die die frische Brise genießen, haben erlebt, wie Pol Pots grimmige und ganz in Schwarz gekleidete Soldaten vor dreiunddreißig Jahren am 17. April 1975 die Millionenstadt entvölkerten und die Städter wie Vieh in die Provinz Battambang an der Grenze zu Thailand trieben. Viele von denen, die jetzt im Abendlicht am Ufer des Tonle Sap promenieren, mussten dort unter unerträglichen Bedingungen helfen, ihr Kamputschea in den „agrarischen Urzustand“ zurückzuversetzen. Wie Sklaven schufteten die Städter auf den Reisfeldern Battambangs, das noch heute als „Reisschüssel“ des Landes gilt. Viele starben an Krankheiten oder verhungerten. Etwa 1,7 Millionen Kambodschaner, so wird geschätzt, fielen dem drei Jahre, acht Monate und zwanzig Tage währenden Wahnsinn zum Opfer, das entspricht etwa einem Drittel der Gesamtbevölkerung.
Beim Bummel durch Phnom Penh verblasst dann doch irgendwann die Vergangenheit, verblassen Tuol Sleng, die Killing-Fields und die Opfer des zwanzigjährigen Bürgerkriegs nach der Vertreibung der Khmer Rouge durch die Vietnamesen im Jahr 1979. Der Besucher vergisst die Tragödie beim Scherzen mit den Mönchen vor dem Königspalast, beim Fotografieren der Jungen und Mädchen, die sich in den Tonle Sap stürzen, um anschließend pitschnass und vergnügt das Bild auf dem Display der Digitalkamera des barang, des Ausländers, zu betrachten. Pol Pots Schreckgespenst weicht, wenn der Besucher von einem Vogelverkäufer einen kleinen Spatzen ersteht, um ihm die Freiheit zu schenken. Die Khmer glauben, dass die Vögel Sorgen und Gefahren mit sich in die Lüfte tragen.
Rund um die Ufercafés herrscht das Treiben einer ganz normalen asiatischen Stadt. Touristen amüsieren sich über den allabendlichen Wahnsinn des dalin, dieser Eigenart der Khmer, sich in Massen auf allem, was Räder hat, durch die Stadt zu bewegen. Cyclos (Rikschas), Motorräder, Fahrräder sind bis zur Grenze ihrer Belastbarkeit vollgeladen. Im gemächlichen Tempo begibt sich dann die fünfköpfige Familie auf der Honda im Strom Tausender anderer auf Sightseeingtour. Selbst der Hund, die Vorderpfoten auf den Lenker gestellt, findet den Corso toll.
Und dann ist es plötzlich wieder da - das Gespenst der Vergangenheit. Unvermutet erscheint es bei der Zeitungslektüre im französischen Café: „KR memoir writer says leaders should be executed“ (Biografin der Khmer Rouge fordert Todesstrafe für die Anführer). Die Schriftstellerin Sophal Leng Stagg, so wird berichtet, fordert im Falle eines Schuldspruchs die Hinrichtung der fünf noch lebenden ranghohen Vertreter des ehemaligen Terrorregimes. Eine Hinrichtung im Fernsehen könne sie sich gut vorstellen. Ein Freispruch hingegen würde das Land ins Chaos stürzen, denn die Erwartung der Kambodschaner nach Gerechtigkeit sei groß.
„Auf den Prozess warten wir seit Langem“, sagt Chea Vannath, Menschenrechtaktivistin und Präsidentin des Zentrums für die soziale Entwicklung in Phnom Penh. “Es gibt keinen Frieden ohne Gerechtigkeit. Vielleicht wird das Gericht in der kurzen Zeit, das es zur Verfügung hat - drei Jahre sind für die Prozesse angesetzt - nicht die Wahrheit herausfinden, aber das Verfahren wird ein wichtiges Zeichen sein und Licht auf eines der schrecklichsten Massaker der Geschichte werfen. Es wird auch eine Mahnung an unsere Regierenden sein, der Straffreiheit, die in unserem Land herrscht, ein Ende zu setzen.“
Auch Herr Rotha verfolgt mit wachsender Ungeduld die seit Jahren währenden Diskussionen um die Finanzierung des Prozesses, die Wahl der Örtlichkeit und der Richter. „Die Straffreiheit ist für die Roten Khmer zu Ende. Wir dürfen nicht länger warten, Pol Pot starb 1998 als freier Bürger im Urwald bei Anlong Veng, und der angeklagte Nuon Chea, Pol Pots Stellvertreter, ist schon 82 Jahre alt.“
Dith Rotha ist aufgewühlt, denn nun, im Frühjahr 2008, werden die Prozesse endlich beginnen. Und immer, wenn es dem Geschäftsmann zu viel wird, wenn die Geister der Vergangenheit zu mächtig werden, besteigt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern das Schnellboot und fährt nach Angkor, in die bessere Hälfte der kambodschanischen Geschichte. Der Familie erklärt er dann, dass die Anordnung Angkor Wats eine Nachbildung des Universums ist, die Türme eine Rekonstruktion jenes mythischen Meru-Berges, auf dem die Götter leben. Er wird nicht müde, die einstige Ausdehnung des Khmerreiches vom heutigen Vietnam über Laos und Thailand bis hin nach Assam und zur malaiischen Halbinsel zu beschreiben und über die raffinierten Bewässerungssysteme zu referieren, die als Motor der Wirtschaft eine solch hohe Kultur ab dem 8. Jahrhundert nach Christus über sechshundert Jahre erst ermöglichten. Wie alle Kambodschaner ist er stolz auf die Angkor-Tempel, die der Naturkundler Henri Mouhot 1860 auf seinem Weg nach Laos neu entdeckte und die heute jährlich von zwei Millionen Besuchern aus aller Welt bewundert werden.
Der Geschäftsmann wandert mit seiner Familie von Tempel zu Tempel, um der Seele des kambodschanischen Volkes nachzuspüren. Am Sras Srang, dem riesigen königlichen Schwimmbad, das einst Jayavarman VII. zu rituellen Waschungen diente, treffen dann einstige Größe und neuzeitliches Elend wieder aufeinander. Hier, wo der König badete, haben die Einheimischen der Gegend ein Mahnmal aus Totenschädeln errichtet, um den Erschlagenen des Pol-Pot-Regimes zu gedenken. Die Familie verbeugt sich vor dem Schrein, opfert einige Räucherstäbchen und Dith Rotha fordert – nun recht emotional – die längst überfällige Gerechtigkeit. Er hofft, dass der Prozess dazu beiträgt, die Seele aller Kambodschaner zu erlösen.
INFORMATION
Visum:
Für die Einreise nach Kambodscha ist ein Visum erforderlich. Visa können vor Reisebeginn bei einer kambodschanischen Auslandsvertretung oder bei der Einreise an den Internationalen Flughäfen Pochentong (Phnom Penh) und Siem Reap eingeholt werden. An manchen Grenzübergängen werden ebenfalls Visa bei der Einreise ausgestellt. Das Visum ist 4 Wochen gültig.
Königliche Botschaft des Königreiches Kambodscha, Benjamin-Vogelsdorff-Strasse 2, 13187 Berlin, Tel.: 030 / 48637901 ; Fax: 030 / 48637973 E-Mail: info@kambodscha-botschaft.de / REC-berlin@t-online.de; www.kambodscha-botschaft.de
Anreise:
Thai Airways fliegt von Deutschland über Bangkok nach Phnom Penh (Hauptstadt Kambodschas) oder Siem Raep (Ausgangspunkt für die Tempel von Angkor Wat) Von Phnom Penh nach Siem Raep besteht eine tägliche Bootsverbindung über den Tonle-Sap-See. Das Schnellboot benötigt für die Strecke 5 Stunden und kostet 25 Dollar.
Die Anreise von Bangkok nach Siem Raep per Auto (Pick up) dauert zwei Tage und ist wegen des schlechten Zustands der Straßen sehr beschwerlich.
Angkor Wat:
Für den Besuch der Tempelruinen von Angkor Wat sollten drei Tage eingeplant werden. Es gibt Tickets für einen Tag (20 Dollar), drei Tage (40 Dollar) und eine Woche (60 Dollar). Motorradtaxis für die Tempelrundtour kosten je nach Verhandlungsgeschick zwischen 5 und 10 Dollar.
Phnom Penh:
Zum Verständnis der geschichtlichen Tragödie des Landes ist ein Besuch Tuol Slengs und der Killing Fields obligatorisch. Das Museum liegt in der 103. Straße und ist täglich von 7.00Uhr bis 11.30 Uhr und von 14.00 Uhr bis 17.00 Uhr geöffnet. Choeung Ek, die „Killing Fields“ liegen etwa 12 Kilometer außerhalb des Zentrums und sind mit dem Taxi zu erreichen.
Literatur:
Andreas Neuhauser: Kambodscha. Reise Know-How Verlag, Bielefeld 2007, 504 S., 19,50 Euro
Michael Sontheimer: Kambodscha, Land der sanften Mörder, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg, 248 S., nur noch gebraucht erhältlich
Loung Ung: Der weite Weg der Hoffnung, Fischer Taschenbuch, Frankfurt/Main 2002, 338 S., 9,95 Euro